MEINE GESCHICHTE! Die Big Player kamen nicht plötzlich – sie waren von Anfang an da!
Es war ein früher Abend im Jahr 1994, als ich mein erstes Modem anschloss, ein US Robotics Sportster mit 14.400 Baud. Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, als ich den Karton aufriss, dieses Knistern von Neuland. Dabei war der Rechner, den ich mir zusammengespart hatte, ein Vermögen wert, ein 486er mit ein paar Megabyte RAM, und ich hatte monatelang jeden Schilling umgedreht, um ihn bezahlen zu können. Heute lacht man darüber, aber damals war ein PC etwas für Leute, die entweder Geld hatten oder wie ich bereit waren, dafür zu hungern.
Dieses Pfeifen und Rauschen dann, wenn das Modem sich einwählte, dieses seltsame Geräusch der Verbindung, klang für mich nach Aufbruch, nach einer völlig neuen und offenen Welt, die da vor mir lag. Aber der Weg dorthin war alles andere als offen, denn oft genug brach die Leitung einfach zusammen, und ich saß wieder da, hörte das bescheuerte Besetztzeichen und fing von vorne an. Manchmal drei-, vier-, fünfmal hintereinander, bis endlich diese stabile Verbindung stand. Und wenn sie dann stand, war Geduld das Wichtigste, denn wer damals einen Megabyte herunterladen wollte, der konnte sich zwischendurch einen Kaffee trinken, einen Film ansehen und war vielleicht immer noch nicht fertig. Zwanzig Minuten oder länger dauerte so etwas, und wehe, es gab einen Abbruch kurz vor Schluss, dann fing alles wieder von vorne an.
Auf dem Bildschirm erschien dann irgendwann das Logo von CompuServe, und für mich fühlte es sich an wie der Eintritt in ein grenzenloses Netz, in dem alles möglich sein würde. Ich konnte damals nicht wissen, wohin das alles führen würde, ich war einfach froh, wenn die Verbindung hielt und ich in diesen neuen Raum eintauchen konnte.
Doch die Strukturen waren schon damals nicht wirklich grenzenlos, auch wenn ich das noch nicht durchschaute. CompuServe war kein freier Raum, sondern ein kommerzieller Dienst, ein Unternehmen, das Geld verdienen wollte. Der Zugang lief über Telefonfirmen, die Infrastruktur gehörte Konzernen, die jede Minute abrechneten, die ich online war. Das Netz war von Anfang an nicht nur ein Ort der Freiheit, sondern auch ein Markt, und jede Minute, die ich surfte, kostete bares Geld, das auf der Telefonrechnung wieder auftauchte.
Was ich als technisches Abenteuer erlebte, war zugleich die Geburtsphase digitaler Geschäftsmodelle, und wer damals den Zugang kontrollierte, der kontrollierte auch den Markt, auch wenn mir das in meinem Zimmer mit dem leuchtenden Bildschirm überhaupt nicht bewusst war.
Mit Windows 95 wurde diese Dynamik für jeden sichtbar, der hinsehen wollte. Microsoft hatte früh verstanden, dass nicht der Inhalt das Entscheidende war, sondern das Betriebssystem, denn wer den Desktop kontrollierte, bestimmte auch, welche Programme gestartet wurden, welche Standards sich durchsetzten und welche Schnittstellen offen blieben oder eben nicht.
Der Browserkrieg war kein Zufall, sondern eine kluge Strategie, denn der Zugang zum Internet wurde direkt in das Betriebssystem eingebaut, und Marktanteile wurden nicht nur gewonnen, sie wurden von vornherein einprogrammiert.
Als Google dann 1998 erschien, wirkte plötzlich alles wieder leicht und offen, eine weiße Seite, ein Suchfeld, sechs bunte Buchstaben, radikal reduziert und unglaublich effizient. Doch hinter dieser Schlichtheit verbarg sich ein völlig neues Prinzip, denn jetzt wurde nicht mehr der Zugang verkauft, sondern die Aufmerksamkeit der Nutzer, und nicht mehr Softwarelizenzen waren das Geschäft, sondern Datenströme. Google hatte früher als viele andere verstanden, dass Information messbar ist und dass sich Verhalten auswerten lässt, denn jede Suche war nicht nur eine Frage, sondern auch ein Signal, ein Datum, ein Puzzleteil.
Ich merkte damals wenig davon, für mich war es einfach die beste Suchmaschine, kostenlos, schnell und präzise, ein Werkzeug, das funktionierte, und ich war froh, dass ich nicht mehr stundenlang in Webverzeichnissen blättern musste. Doch mit jeder Suche entstand ein Profil, unsichtbar und nicht spürbar, aber ökonomisch wertvoll, denn der Rohstoff des neuen Marktes war nicht mehr Software, sondern Vorhersagbarkeit.
Parallel dazu wuchs Amazon heran, zuerst als Online-Buchhändler belächelt, dann als Logistikmaschine und schließlich als Infrastrukturbetreiber, und mit AWS verlagerte sich ein weiterer Teil des Netzes in die Rechenzentren eines einzigen Unternehmens.
Apple perfektionierte derweil das geschlossene Ökosystem, Hardware, Software und App-Store verschmolzen zu einer Einheit, Kontrolle durch Integration wurde zum Prinzip.
Und schließlich kam Facebook, nicht nur eine Plattform, sondern ein soziales Geflecht, in dem Milliarden Menschen innerhalb einer einzigen Infrastruktur kommunizierten.
Was sich hier entwickelte, war keine plötzliche Übernahme des Netzes, sondern eine schrittweise Konsolidierung, Bereich für Bereich. Zugang, Betriebssystem, Suche, Handel, soziale Interaktion, Cloud. Jeder dieser Bereiche wurde von wenigen Akteuren dominiert und oft früh strategisch besetzt, noch bevor die meisten von uns überhaupt verstanden, worum es eigentlich ging.
Ich erlebte das alles als Fortschritt, schnellere Verbindungen, bessere Dienste, mehr Komfort, das Leben wurde einfacher, und die Zeiten, in denen ich zwanzig Minuten auf ein Megabyte wartete oder fluchend den fünften Einwählversuch startete, waren endlich vorbei. Gleichzeitig entstand eine neue Form von Abhängigkeit, nicht durch Zwang, sondern durch Integration, denn alles funktionierte am besten innerhalb eines Systems, und wer ausscherte, hatte plötzlich Nachteile.
Heute wirken die fünf großen Namen allgegenwärtig, Microsoft, Google, Apple, Amazon und Meta.
Doch ihre Dominanz begann nicht erst im Zeitalter der Smartphones oder sozialen Medien, die Grundlagen wurden bereits in den neunziger Jahren gelegt, mit Betriebssystemen, Portalen, Suchmaschinen und proprietären Diensten. In genau der Zeit, als ich abends vor meinem viel zu teuren Rechner saß und mich über jede stabile Verbindung freute. Das Netz war nie völlig frei von Machtstrukturen, das ist mir heute klar geworden, aber die Macht wurde effizienter, globaler und vor allem datengetriebener.
Man könnte sagen, aus einem offenen Protokoll wurde nach und nach eine Ansammlung privater Immobilien, denn was ich heute betrete, ist nicht mehr das Internet, sondern die geschlossene Welt von Meta, der Apple-Store oder die Warenwelt von Amazon. Und ich selbst habe an diesen Mauern mitgebaut, mit jedem Like, jedem Klick und jedem hochgeladenen Foto, die bunten Ketten wurden nicht nur von Konzernen geschmiedet, sondern auch von uns mit Inhalten gefüllt.
Hinzu kam ein unsichtbarer Treiber, den lange niemand beachtete, die Börse, denn seit den neunziger Jahren sind diese Unternehmen nicht mehr nur im Besitz von Gründern, sondern von Aktionären, die ständiges Wachstum fordern. Das zwingt Plattformen dazu, immer mehr Aufmerksamkeit zu extrahieren und immer neue Datenquellen zu erschließen. Die permanente Verbindung ist nicht nur ein Service, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit geworden.
Heute sitze ich vor einem lautlosen Rechner, kein Einwählen mehr, keine Minutenabrechnung, keine abgebrochenen Downloads, nur permanente Verbindung. Ich weiß inzwischen, dass Märkte nicht nur durch Innovation entstehen, sondern durch Standardsetzung, durch Netzwerkeffekte und durch Kapital, das sich seinen Weg bahnt.
Und manchmal frage ich mich, ob das entscheidende Verbinden damals nicht weniger technisch war, sondern wirtschaftlich. Nicht ein Sturm hat das Netz erobert – sondern Grundstück für Grundstück wurde gekauft.
Das kleine brennende Licht am Horizont heißt, Open Source und Fediverse?
War die Entwicklung unvermeidlich? Hätten wir ein anderes Netz bauen können? Oder ist Zentralisierung der natürliche Zustand jeder erfolgreichen Technologie?
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